SOUVENIRS SOUVENIRS Altlasten aus dem Urlaub
Ein Stück Urlaub mit nach Hause zu bringen scheint ein
urmenschlicher Drang zu sein, jedenfalls ernährt er einen ganzen
Industriezweig. Doch was ist der Mailänder Dom als Miniatur, das T-Shirt mit
dem Aufdruck „I gave blood in the Everglades" oder der Schlüsselanhänger aus St. Petersburg
gegen
das individuelle Erinnerungsstück?
Auf fast jedem Fensterbrett, im Billy-Regal, in einem
Wasserglas, verstaubten Setzkasten oder
Schuhkarton findet man sie: Muscheln, Steine, Filmdöschen mit Sand, getrocknete
Sträuße, komisch verdrehte Wurzeln, eine Klapperschlangenhaut, die Scherbe eines Azulejos aus
der Alhambra in Granada... Nicht bei jedem Teil lässt
sich später noch sagen, wo es aufgelesen wurde. Amrum oder Playa Conchal?
Teufelshöhle bei Pottenstein oder doch Grand Canyon?
Aus Feldversuchen weiß man inzwischen zumindest, dass am
Urlaubsort genossene Weine sich nördlich des Brenners unweigerlich in Essig
verwandeln. Die Gewürzmischung aus Thailand beginnt, in der Schublade vergessen, bald ein bewegtes Eigenleben und die glänzenden Feuerbohnen
aus Costa Rica kullern noch Jahre lang in jedem Winkel der Wohnung herum. Sie
sollen Glück bringen.
Weil einem die Mitbringsel einmal etwas bedeutet haben, tut
man sich schwer, sie einfach in den Müll zu werfen. Und so legt sich über die
Altlasten vergangener Reisen und die darin verdichteten Befindlichkeiten bald
der Mehltau das Vergessens - und der Staub.
Zu Gebirgen könnte man die Abermillionen von Steinen türmen,
die Jahr für Jahr weltweit von Touristen umgeschichtet werden. Ganze Kontinente
verschwinden in Koffern. In der Türkei und Thailand ist es inzwischen verboten,
Steine außer Landes zu schaffen.
Ist für Ligurien bald Ähnliches zu befürchten?
Die glatten, von den Wellen schwarz geleckten Steine am
Kieselstrand sind für viele bloße Stolperfallen auf
dem Weg ins Wasser, deren Überwindung ohne Badelatschen groteske Verrenkungen hervorruft. Bei genauerem Hinsehen ist jeder einzelne Stein jedoch ein kleines
Kunstwerk der Natur, durchzogen von delikaten weißen Linien in
unterschiedlicher Breite, deren Gleichmäßigkeit so absichtsvoll erscheint, wie
die Nazca-Geoglyphen in der peruanische Wüste.
Also landet einer nach dem anderen in der Badetasche. Auf
dem Weg zum Parkplatz begegnet man gegen Abend anderen Strandläufern, ebenfalls
unter der Last von Steinen in eine Richtung gebeugt. Bei Hausbesitzern tun die
Wackersteine später Dienst als Briefbeschwerer und Türstopper, oder sorgen
dafür, dass der Wäscheständer nicht vom Tramontana umgeblasen wird. Im Dunkeln
stürzt man gerne über sie, meistens dann, wenn sich die Zehen gerade von der
Begegnung mit dem Fuß des Sonnenschirms erholt haben.
Handteller große Kiesel vom ligurischen Strand eignen sich
dank ihrer Ebenmäßigkeit wunderbar zur „Decoupage". Wie man hört müssen Adepten
dieser aufwändigen, aber völlig zweckfreien Basteltechnik für die bis nach
Hamburg gekarrten Steine teuer bezahlen.
Kein Wunder, dass man gegen Ende der Saison an den ligurischen Stränden
nur noch langweilige Allerweltssteine findet. Jetzt, nachdem die Sturmfluten
des Winters das Unterste nach oben gekehrt haben, lohnt es sich vielleicht
wieder, den Blick auf den Boden geheftet den Meeressaum abzulaufen. Dabei muss
man allerdings aufpassen, dass man nicht über die Künstlerin Carin Grudda stolpert, auch sie
immer auf der Suche nach verwertbarem Strandgut. |